Eyewitness Maximilian Haas, about LFS Financial Systems

Maximilian is a Berlin based dramaturge and cultural scientist. He attended LFEO at LFS Financial Systems.

 

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8:30, für Berliner Verhältnisse früh am Morgen: Kinder radeln zur Schule, Männer und Frauen in Anzug und Kostüm eilen zur Arbeit, noch sind keine Touristen zu sehen, das hippe Berlin-Mitte schläft noch, die Läden sind geschlossen und es ist praktisch unmöglich, einen Kaffee zu bekommen. Wir treffen uns am Rosa-Luxemburg-Platz auf dem U-Bahnsteig und gehen ein paar Schritte zu einem jener Bürogebäude, die man beim Vorbeigehen nicht bemerkt. In der Eingangshalle empfangen uns eingetopfte Palmen und eine mannshohe Holzskulptur. Die Räume sind sachlich gestaltet und auf eine bescheidene Art repräsentativ. Man fühlt sich jedenfalls nicht von Exklusivität eingeschüchtert. LFS Financial Systems scheint keines jener Geld-Giganten zu sein, wie man sie in Frankfurt oder Zürich findet. So erinnert auch das Zimmer, in dem die Lecture stattfinden soll, eher an einen Seminarraum als an eine Vorstandsetage.

Zwei Teilnehmer der Veranstaltung „Argumentationstraining für internationale Nachwuchsführungskräfte“ sind schon da. Es ist 8:45, um 9 gehts los. Als wir den Raum betreten sitzen etwa 20 Leute einander an Tischen gegenüber. Sarah postiert sich am vorderen Ende der Reihen vor einem Whiteboard. Ihr Assistentin und ich ziehen uns diskret in die hintere Raumhälfte zurück. Ein Blick in die Runde beweist den internationalen Charakter der Veranstaltung. Diese Gruppe ist bunt zusammengewürfelt: Menschen verschiedenster Herkünfte, Kulturen und Religionen sitzen hier zusammen. Was sie zu einen scheint, ist die Ambition, am Weltmarktgeschehen teilzuhaben, noch scheinen sie nicht ganz da zu sein.

Die unvermittelte Direktheit von Sarahs Rede und die Fragilität der Situation sorgen zunächst für eine spürbare Peinlichkeit bei den Zuhörern. Sarah adressiert sie alle einzeln: Sie blickt ihnen ins Gesicht und gibt ihnen das Gefühl, hier ganz persönlich gemeint zu sein. Sie reagieren sehr verschieden: Einer lauscht aktiv und bezeugt dies mit ständigem Nicken, ein anderer macht mit gelegentlichen Scherzen auf sich aufmerksam, andere versuchen sich durch Neutralität aus der Affäre zu ziehen. Dann entfaltet sie ihren Diskurs über Fragen, die – so die strategische Unterstellung der Performance – jeden angehen: Familie, Partnerschaft und Arbeit, Alleinsein und Zusammensein, individuelle Entscheidung und systemische Zwänge, Leben und Tod, etc. Dabei bewegt sich der Vortrag von existenziellen Gemeinplätzen hin zu globalen Krisen, die sich leicht als globaler Spätkapitalismus und Klimawandel identifizieren lassen. Schließlich hebt die Rede auf die ganz großen Themen ab: Sorge, Liebe, Freiheit und Macht. Auf das, was jenseits aller konkreten Probleme und Lösungen von Bedeutung ist, was Menschen als Menschen miteinander verbindet. Im Verhältnis zu ihrem Publikum bezweifelt die Performance, ob es sich dabei wirklich um anthropologische Konstanten handelt, besonders an diesem Morgen. Nehmen wir zum Beispiel die Freiheit: Sarah betont, wie opak der Sinn des Wortes ist, wie unbestimmt das Konzept, und stellt damit eine zentrale ideologische Säule der westlichen Moderne in Frage. Ich frage mich, ob alle im Raum die Einschätzung teilen oder ob nicht einige sehr genau wissen, was Freiheit ist, weil sie konkret erleben, wo und wie sie fehlt. Dies gilt natürlich grundsätzlich für Alle im Raum, doch denke ich, dass Umstände und Schärfe stark variieren. Auch die Bedeutung der anderen Begriffe – Zuwendung, Liebe und Macht – kann in diesem Raum nicht als einheitlich vorausgesetzt werden, so wenig wie ihre Bewertungen. Der Vortrag schlägt einen universellen Ton an: Er bezieht sich auf das, was zweifellos bekannt und relevant ist. Die Frage nach dem Standpunkt dieser Behauptung wird anhand des heterogenen Publikums hier besonders plastisch. Die Performance heisst nunmal nicht: Lecture from nowhere. Sondern: Lecture For Every One.

Sarahs Vortrag wird im Verlauf zunehmend emotional. Dies steht im scharfen Kontrast zur Sachlichkeit der Situation: eines geschäftigen Montagmorgens im Büro. Sarah stellt mit theatraler Systematik das her, was man ein Ereignis nennen könnte: Eine Unterbrechung des gewohnten Verlaufs der Dinge, die die Zeit verdichtet und die Erfahrung intensiviert. Man könnte auch sagen, sie schafft einen erfüllten Moment. Die Zuhörer begeben sich in Distanz zu jenem Leben, das unbemerkt im Alltag versickert, und werden angeregt, jene Fragen zu stellen, die wirklich von Bedeutung sind. Sarah ist ein Pfarrer ohne Kirche und Katechismus, jedoch nicht ganz ohne Glaubensinhalte, denn sie behauptet die Relevanz von Sorge, Liebe, Freiheit und Macht. Der strategische Universalismus der Performance lässt über Unterschiede spekulieren.

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